Im HSVlive-Interview spricht Mittelfeldspieler Adrian Fein über seinen ausgeprägten Siegeswillen, welche Rolle in diesem Zusammenhang seine langjährige Ausbildung beim FC Bayern München spielt und warum der HSV genau der richtige Club für seinen nächsten Entwicklungsschritt ist.

Adrian Fein ist 20 Jahre alt und gilt dennoch bereits als eines der Gesichter des neuen HSV. Jung, entwicklungsfähig, aber auch schon jetzt in der Lage, dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken. In welchem Tempo ihm dies gelang, beeindruckte Fans und Experten gleichermaßen. Fein traf dabei ganz bewusst die Entscheidung für den HSV und einen Weg, den er mitgehen möchte, den er mitgestalten möchte – und an dessen Ende möglichst ein erfolgreicher Saisonabschluss stehen soll. Dem ordnet der gebürtige Münchener und Leihspieler des FC Bayern („So lange wie aktuell war ich noch nie aus Bayern fort“) alles unter, auch in der neuen Heimat Hamburg, in der er bewusst nicht ins Zentrum der Stadt gezogen ist. „Für mich ist es optimal, dicht am Stadion zu wohnen, um den totalen Fokus zu haben“, erklärt Fein, der sich auf diese Art auch selbst diszipliniert: „Wäre ich in die Innenstadt gezogen, würde ich sicherlich den ganzen Tag draußen unterwegs sein. Ich möchte aber bewusst abschalten, nicht ständig essen gehen, sondern selbständig werden, für mich selbst kochen und mich auf das konzentrieren, was wichtig ist.“ Sprich: auf den HSV und seine persönliche Entwicklung. Denn Adrian Fein ist der Inbegriff von Ehrgeiz. Der hat ihn dorthin gebracht, wo er heute ist. Und der soll auch dafür sorgen, dass Fein und der HSV gemeinsam ihr großes Ziel erreichen. Ein Gespräch über ebendiesen Ehrgeiz, Durchsetzungsfähigkeit und den Willen, etwas Bleibendes zu schaffen.

Adrian, beim HSV wurdest du als Neuzugang direkt Stammspieler, Leistungsträger und bist auch noch das erste Mal für die deutsche U21-Nationalmannschaft nominiert worden. Ein beeindruckender Start.
Es stimmt schon, es ist alles ziemlich schnell gegangen. Besonders im Vergleich zum letzten Jahr. Ich war dieses Mal vom ersten Tag der Vorbereitung an dabei und habe bisher keine Einheit verpasst. In der Vorsaison bei Regensburg bin ich erst am letzten Tag der Transferperiode gewechselt, so dass der Einstieg etwas schwieriger war. Nun konnte ich schnell meinen Stempel aufdrücken und mich gut in die Mannschaft integrieren.

Hättest du damit gerechnet, dass du so schnell eine tragende Rolle spielst?
Ich habe es mir schon zugetraut, dass ich beim HSV Stammspieler werden kann. Ansonsten hätte ich im Sommer sicherlich eine andere Entscheidung getroffen. Dass ich allerdings einen so guten Start erwische, hätte ich mir ehrlich gesagt auch nicht vorgestellt. Aber ich habe natürlich nichts dagegen.

Es ist auffällig, dass du erst 20 Jahre jung bist, schon sehr abgeklärt spielst und auch meinungsstark gegenüber deinen Mitspielern auftrittst. Woher kommt diese Reife?
Für mich spielt es keine Rolle, ob ich erst 20 Jahre bin. Ich versuche trotzdem meinen Mitspielern zu helfen und sie aufzubauen, auch wenn sie über weitaus mehr Erfahrung verfügen. Ich mache mir auf dem Platz nicht so viele Gedanken, sondern will Fußball spielen, Spaß haben und vor allen Dingen gewinnen. Denn ohne das Gewinnen macht es keinen Spaß. Ich blende dann aus, ob jemand 200 Spiele mehr hat als ich und scheue mich nicht davor, Ansagen zu machen. So bin ich als Typ: Ich sage, wenn mir etwas nicht passt. Genauso versuche ich zu loben und zu pushen, wenn mir etwas gefällt.

Klingt nach der typischen Bayern-DNA. Du hast seit deinem siebten Lebensjahr als gebürtiger Münchener für den FC Bayern gespielt. Ist dieser Background eine Bürde oder ein Anreiz für dich?
Ehrlich gesagt, kenne ich es nicht anders. Überall, wo ich hingekommen bin – sei es letztes Jahr nach Regensburg, dieses Jahr nach Hamburg oder ansonsten in die Jugend-Nationalmannschaften – war ich immer derjenige, der vom FC Bayern kommt. Ich sehe das nicht als Bürde, sondern als klaren Anreiz. Von unglaublich vielen Spielern ist es der Traum, irgendwann mal für einen Top-Club wie den FC Bayern München zu spielen. Ich möchte das Maximum aus mir herausholen. Insofern bin ich der Meinung, dass mir meine Wurzeln dabei helfen, meine hochgesteckten Ziele zu erreichen.

Auch deine Körpersprache auf dem Platz wirkt so, als ob du die „Mia san mia“-Mentalität der Bayern voll in dir trägst. Ist das ein Aspekt, den man dort in der Ausbildung über all die Jahre automatisch eingeimpft bekommt?
Ich denke schon, dass beim FC Bayern in der Jugend großer Wert daraufgelegt wird, dass man eine gewisse Siegermentalität mitbringt. Ich hatte früher durchaus Probleme mit meiner Körpersprache, ehe ich das im Laufe der Jahre weiterentwickeln konnte und viel dazugelernt habe. Wir mussten in der Bayern-Jugend immer oben mitspielen. Wenn man dann mal gegen vermeintlich schlechtere Mannschaften verloren hat, dann hat der Jugendleiter auch mal eine Ansage gemacht und uns wissen lassen, dass wir uns besser zusammenreißen sollen, damit so etwas nicht ein zweites Mal passiert.

»Ich habe gedacht: Wenn du es beim HSV packst, dann bist du richtig drin!«

Wie gehst du bei diesem ausgeprägten Siegeswillen mit Niederlagen und Rückschlägen um?
Ich hasse es zu verlieren. Es gibt nichts Schlimmeres. Nach einer Niederlage braucht man mich zwei, drei Tage nicht mehr darauf anzusprechen. Wenn ich schlecht spiele oder wir ein Spiel verlieren, dann wissen meine Freundin und meine Eltern auch, dass sie lieber nicht mit mir über Fußball sprechen, sondern mich in Ruhe lassen oder zumindest ein ganz anderes Thema wählen. Ansonsten gehe ich echt an die Decke. Ganz generell hasse ich das Verlieren. Selbst wenn ich mit meinen Kollegen „Mensch ärgere Dich nicht“ spiele, können die mit dem einen oder anderen Spruch rechnen, wenn sie mich mal raushauen. Das ist dann vielleicht eher noch etwas scherzhaft gemeint, aber beim Fußball hört der Spaß auf. Da wird es extrem.

Hättest du also mehr Spaß an einem ermauerten 1:0-Sieg als an einem richtig guten Spiel, das am Ende 2:2 ausgeht?
Nein. Es muss schon attraktiver Offensivfußball sein. Ich will nicht in einer Mannschaft spielen, die sich hinten reinstellt, die Bälle nach vorn kloppt und auf ein glückliches Eckball-Tor in der 89. Minute hofft. Das würde mir auch keinen Spaß machen. (zögert einen Moment) Das Problem ist nur, dass man bei einem spektakulären 2:2 nicht gewinnt. Das ist echt eine fiese Frage. (lacht)

Eine Abwehrschlacht hat doch manchmal auch ihre Reize.
Nein, das ist überhaupt nicht mein Ding. In der letzten Saison hatten wir in Regensburg auch viele Spiele, die eigentlich sicher waren und dann bekamen wir nach einem Gegentor nochmal eine richtige Schlussoffensive gegen uns. Dann rollt 30 Minuten lang eine Welle nach der anderen auf dich zu und du weißt, dass das einzige Ziel ist, dies irgendwie zu überleben. Das ist nicht meins. Ich will Fußball spielen.

Das wolltest du ja auch schon als Kind die ganze Zeit und bist bereits sehr früh vom FC Bayern entdeckt worden. Gab es ab da für dich immer nur den Gedanken an eine Karriere als „Profifußballer“ oder warst du in der Schule ähnlich ehrgeizig?
In der Schule und beim Lernen fehlte mir leider die Motivation. Das bereue ich total. Ich bin am Ende sogar durch das Abitur gerasselt und das kratzt noch heute sehr an mir. Wenn ich nochmal die Chance hätte, würde ich das alles anders machen! All meine Kollegen und Freunde haben das Abi und ich habe es verpatzt, das nervt mich extrem. Vielleicht werde ich das Abitur noch während meiner Karriere nachholen. Ich habe mich bereits erkundigt, welche Möglichkeiten es da gibt.

Apropos Kollegen und Freunde: Du hast uns mal erzählt, dass dein engster Kreis immer noch aus denjenigen besteht, mit denen du bereits in der F-Jugend zusammengespielt hast. Inwiefern halten sie dich manchmal am Boden und machen dir deutlich, dass es mehr im Leben gibt als ein gewonnenes Fußballspiel?
Ich habe nicht nur Freunde aus dem Kindergarten oder meiner ersten Fußballmannschaft, denn da sind im Laufe meines Lebens schon noch ein paar Menschen neu hinzugekommen. Aber es sind tatsächlich zum großen Teil Leute, die nicht aus dem professionellen Fußballgeschäft kommen und die ich lange kenne, das ist richtig. Das ist für mich auch wichtig, weil ich in meiner Freizeit nicht die ganze Zeit über Fußball reden, sondern auch mal abschalten möchte. Wir sprechen dann über alte Zeiten oder über ihr jeweiliges Leben, was ich sehr interessant finde, da sie ein ganz anderes Leben führen als ich. Sie studieren oder machen erste Schritte im Arbeitsleben und tauschen sich beispielsweise über Stundenlöhne aus. Einige kellnern, um sich nebenbei noch etwas dazuzuverdienen. Wenn ich das auf mich wirken lasse, dann merke ich immer wieder, wie gut ich es habe, einen so tollen Beruf ausführen zu dürfen.

»In der 4. Liga wirst du auch gern einfach mal umgetreten, weil die Gegenspieler sich nicht von einem Spieler verarschen lassen wollen, der 13 Jahre jünger ist als sie«

Und was wäre gewesen, wenn es mit der Profikarriere nicht geklappt hätte?
Ich hatte immer im Hinterkopf, was ich mache, wenn es nicht klappen sollte. Mein bester Kollege, der in der Jugend bei 1860 München und Unterhaching gespielt hat, hat irgendwann gemerkt, dass es nicht für die große Karriere reichen wird. Er hat dann ein Sportstipendium in den USA erhalten. So etwas hätte ich mir auch gut vorstellen können und ich stand auch schon in losem Kontakt mit Agenturen, die sich um die Vermittlung kümmern. Mein Fokus lag aber gleichzeitig immer voll auf der Profikarriere, auch wenn immer viel Glück und das richtige Timing dazugehören. Das war bei mir der Fall, wofür ich sehr dankbar bin.

Wird dir das aktuell nochmal stärker bewusst, wenn du siehst, dass es nicht jeder deiner Jugendmitspieler ins Profigeschäft geschafft hat?
Klar, aber das war schon immer so. Ich habe viele Mitspieler erlebt, die immer Leistungsträger oder riesige Talente waren und es dann irgendwann nicht mehr geschafft haben, sich weiterzuentwickeln oder Pech mit Verletzungen hatten. Aus unserem Jahrgang haben letztlich recht viele Spieler den Sprung geschafft. Alle Akteure aus der Startelf unserer U19 beim FC Bayern haben zumindest einen Profivertrag in einer der ersten drei Ligen bekommen und spielen in ihren Clubs teilweise auch schon regelmäßig. Trotzdem ist das nur ein Bruchteil und es ist extrem, wie viele Spieler letztlich auf diesem Weg hängen bleiben.

Ist der Sprung von der Jugend in den Herrenbereich die letzte, aber entscheidende Hürde?
Bei uns war es so, dass wir eine extrem junge Mannschaft bei den Amateuren hatten. Ich hätte beispielsweise noch in der U19 spielen dürfen, wurde aber schon zu den Amateuren hochgezogen, um zu lernen, wie man sich im Herrenfußball behauptet. Das kann man allerdings schwer mit dem Profibereich vergleichen, da das Niveau ein ganz anderes ist. In der 4. Liga wirst du auch gern einfach mal umgetreten, weil die Gegenspieler sich nicht von einem Spieler verarschen lassen wollen, der 13 Jahre jünger ist als sie. Für mich war es am Ende aber perfekt, ein Jahr in der Regionalliga zu spielen und diese Erfahrungen sammeln zu dürfen. Ich hatte allerdings auch den Vorteil, dass ich körperlich schon immer ganz gut beieinander war und deshalb bei dem Übergang nicht ganz so große Probleme hatte.

Wie war es bei dem Übergang von den Amateuren zu den Profis? Schließlich hast du dich in der Vorsaison beim SSV Jahn Regensburg in der 2. Liga ohne große Anlaufschwierigkeiten zum Stammspieler entwickelt.
Ich habe in München zum Teil schon mit den Profis trainiert und habe dabei sehr viel gelernt. Dort herrscht nochmal ein ganz, ganz anderes Niveau. Ich war anfangs auch extrem eingeschüchtert und fast ein bisschen ängstlich. Wenn du mit 17 Jahren in diese Kabine kommst und da sitzen lauter Weltmeister, dann bist du sehr demütig und hast vielleicht sogar etwas zu viel Respekt. Dennoch habe ich versucht, alles aufzusaugen und jeden Tipp mitzunehmen, so dass ich später auch bei einem anderen Verein für den Profifußball gerüstet bin. Das hat mir in Regensburg beim Start geholfen. Die Umstellung war dennoch groß, weil du im Training mit gestandenen Profis nicht nochmal einen Haken machen oder in Ruhe aufdrehen kannst. Da wird man sofort rasiert oder abgekocht. Ich habe das dann relativ schnell reinbekommen und Stück für Stück an mir gearbeitet. Bei meinem ersten Startelf-Einsatz habe ich dann eine gute Leistung abgerufen und war fortan voll drin in der Mannschaft.

»Ich habe noch nie ein so lautes Stadion erlebt wie bei dem Tor von Bakery Jatta – ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper«

Genau wie beim HSV. Wie würdest du deine Rolle in der Mannschaft beschreiben? Hast du auf und neben dem Platz bereits deinen Platz gefunden?
Neben dem Platz bin ich eher der ruhige Typ. Ich würde nicht sagen, dass ich extrem introvertiert bin, da ich auch gern mal einen Spaß mache, aber ich bewege mich lieber im Hintergrund. Auch das ganze Drumherum in diesem Geschäft ist nicht so meins. Social Media ist zum Beispiel nicht meine Welt. Ich versuche in erster Linie mein Spiel zu spielen. Es wäre in meinen Augen nicht authentisch, wenn ich mich total in den Vordergrund stellen würde. Ich will gut Fußball spielen und der Rest kommt dann eh von allein. Deshalb versuche ich, auf dem Feld Verantwortung zu übernehmen, das Spiel nach vorn zu treiben und meine Mitspieler zu pushen. Ich denke, dass das bisher ganz gut klappt. Die Jungs suchen mich und wollen, dass ich den Ball habe, um sie wieder in Szene zu setzen. Diese Akzeptanz bestätigt mir, dass ich es bisher ganz gut mache.

Generell gewinnt man den Eindruck, dass ihr trotz des großen Umbruchs als Mannschaft schnell zusammengewachsen seid. Wie schätzt du das ein?
Ich glaube, gerade weil wir so viele neue Spieler sind, ging es mit der Integration von allen schneller. Jeder musste von Null starten. Wenn zwölf neue Spieler dazukommen, die sich alle gegenseitig nicht kennen, versuchen diese sowohl untereinander als auch mit den anderen klarzukommen. Dadurch wurde viel zusammengewürfelt. Man hat bei keinem Mitspieler das Gefühl, dass er keinen Anschluss findet. Alle verstehen sich gut und das sieht man beispielsweise auch an der Art und Weise, wie wir unsere Tore bejubeln. Das ist schon eine geile Truppe!

Hattest du im Vorfeld mit einem so reibungslosen Start beim HSV gerechnet oder gab es vor deinem Wechsel nach Hamburg aufgrund der vergangenen Jahre auch Zweifel?
Ich hatte überhaupt gar keine Skepsis, sondern richtig Bock auf diese Aufgabe. Der HSV ist der größte Club im Norden, sozusagen ein bisschen das Gegenstück zum FC Bayern im Süden. Ein Club, der deutschlandweit ähnlich polarisiert. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was in den letzten Jahren hier passiert ist, sondern habe gedacht: „Wenn du es beim HSV packst, dann bist du richtig drin!“ Ich habe mich sofort in die Vorstellung verliebt, hier zu spielen und im Idealfall mit dem ersten Aufstieg des Clubs Geschichte zu schreiben. Ich hatte keinerlei Zweifel, sondern war richtig heiß darauf, hier durchzustarten. Bisher hat sich dieser Schritt voll ausgezahlt.

Was hat dich bisher am meisten beeindruckt?
Die Stimmung im Stadion, die ist unglaublich. Ich habe zum Beispiel noch nie ein so lautes Stadion erlebt wie bei dem Tor von Bakery Jatta gegen Hannover. Wie da das Stadion explodiert ist, das war krank! Ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Diesen Jubel haben selbst meine Eltern in München gehört. (lacht) Wenn wir es schaffen, diese großartigen Fans wieder richtig auf unsere Seite zu kriegen, dann kann es hier in eine richtig gute, in eine richtig erfolgreiche Richtung gehen.

 

Quelle: HSVlive

Foto: imago-images

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