In Südkorea wird Heung-min Son verehrt – für Tottenham ist der Stürmer gegen Ajax die letzte Hoffnung

Hinter Heung-min Son dürften ein paar ungemütliche Tage liegen. Bei der 0:1-Niederlage der Tottenham Hotspurs gegen den AFC Bournemouth in der Premier League am vergangenen Samstag sah der Südkoreaner die Rote Karte, weil er einen Gegenspieler im Getümmel geschubst hatte. Eine Dummheit, wie man sie von Son nicht kennt. Es war sein erster Platzverweis, seit er am Anfang der Saison 2015/16 von Bayer Leverkusen zu den Londonern gewechselt war. Und seinem Vater, der mit ihm zusammen in einer Wohnung lebt, dürfte die Szene überhaupt nicht gefallen haben. Woong-jung Son, selbst ehemaliger Profi und heute Betreiber einer Fußball-Akademie in der südkoreanischen Stadt Chuncheon, besucht jedes Spiel seines Sohnes und gilt als sein schärfster Kritiker. Als Heung-min noch ein Teenager war, wurde er von seinem Vater trainiert; dessen rigide Methoden wie stundenlanges Ballhochhalten oder gelegentliche Backpfeifen gingen zuletzt durch die Medien. Eine Disziplinlosigkeit wie die am Samstag dürfte im Hause Son also nicht ohne Folgen geblieben sein.

Im Interview mit dem „Guardian“ sprach Heung-min Son im März voller Anerkennung über seinen Vater: „Er hat immer darüber nachgedacht, was ich brauchte. Er hat alles für mich getan. Ohne ihn wäre ich womöglich nicht, wo ich heute bin.“ Mit 26 Jahren erlebt Son gerade die wohl beste Saison seiner bisherigen Karriere. In der Premier League kämpft er mit den Spurs um einen Platz unter den besten vier Teams. In der Champions League geht es an diesem Mittwoch (21 Uhr) gegen Ajax Amsterdam um den Einzug ins Endspiel, nachdem sie das Hinspiel in London vor einer Woche 0:1 verloren hatten. Son hatte in dem Spiel wegen einer Gelb-Sperre gefehlt. Ohne ihn brachte Tottenham nur einen Schuss auf das Tor der Niederländer zustande. Im Rückspiel ruhen die Hoffnungen auf ihm, zumal sein Sturmpartner Harry Kane weiterhin verletzt ausfällt.

Dass Tottenham überhaupt im Halbfinale steht – zum ersten Mal seit 57 Jahren –, ist zum Großteil das Verdienst von Heung-min Son. Beim 1:0 im ViertelfinalHinspiel gegen Manchester City hatte er das Siegtor erzielt; beim turbulenten 3:4 im Rückspiel, das den Spurs wegen der Auswärtstorregelung zum Weiterkommen genügte, schoss er zwei Tore innerhalb von drei Minuten. Tottenham-Trainer Mauricio Pochettino nannte seine Spieler später „Helden“. Er dürfte dabei vor allem an Son gedacht haben. Vier der acht Tore, die Tottenham in der K.-o.-Phase der Champions League erzielt hat, gehen auf das Konto des Südkoreaners. In allen Wettbewerben zusammen steht Son in dieser Saison bei zwanzig Toren und zehn Torvorlagen. Damit steht er kurz davor, seine bisherige Bestmarke in England aus der Saison 2016/17 zu übertreffen. „Er ist einer der Spieler, die sich auf dem Feld ständig bewegen, um defensiv wie offensiv in den besten Positionen zu sein“, sagte Pochettino: „Er ist heute ein sehr kompletter Spieler.“

In seiner Heimat ist Son längst ein Volksheld, der vielleicht beste südkoreanische Fußballer, den es bislang gab. Schon während seiner Zeit in der Bundesliga verehrten ihn seine Landsleute. Als Bayer Leverkusen vor fünf Jahren zur Saisonvorbereitung in das Land reiste, hatten sich in einem Einkaufszentrum Tausende Fans versammelt, um ihn zu sehen. Sons damaliger Teamkollege Robbie Kruse sagte der australischen Zeitung „Herald Sun“, es habe sich angefühlt, als wäre man mit einem Rockstar unterwegs gewesen. Im April soll Son 100 000 Pfund an die Opfer der schweren Waldbrände in Korea gespendet haben. Er übernimmt Verantwortung. „Wenn wir hier um drei Uhr nachmittags spielen, ist es in Korea Mitternacht“, sagte er dem „Guardian“: „Und wenn wir um acht Uhr abends in der Champions League spielen, dann ist es dort fünf Uhr morgens, und trotzdem gucken sie die Spiele im Fernsehen. Ich muss ihnen das zurückzahlen.“

Dankbarkeit verspürt Son auch Pochettino gegenüber. „Du musst das Glück haben, einem guten Trainer zu begegnen. Ich habe mich unter ihm ein riesiges Stück verbessert.“ Seiner weiteren Entwicklung steht auch in den kommenden Jahren nichts im Weg: Durch den Sieg bei den Asienspielen im vergangenen Jahr bleibt ihm der lange Wehrdienst in seiner Heimat erspart, der andernfalls vielleicht eine Lücke in seine Laufbahn als Fußballprofi gerissen hätte. Wäre das Turnier anders ausgegangen, hätte Son formell nach seinem 27. Geburtstag am 8. Juli dieses Jahres seinen Dienst antreten müssen. So aber kann er sich voll auf das Duell mit Ajax konzentrieren. Die Spurs müssen ihren Negativtrend beenden: Von den vergangenen sechs Pflichtspielen haben sie fünf verloren. Eine Leistung wie zuletzt gegen Bournemouth wird gegen die spielstarken Niederländer nicht reichen. Aber das dürfte ihm sein Vater schon eingebleut haben.

 

 

Quelle: https://edition.faz.net/faz-edition/sport/2019-05-08/778af48cbc4b1a76da0b99056738f2ea/?GEPC=s1

Foto: Imago

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